Offene Wissenschaft an der Uni Potsdam

Interviews mit 5 Forschenden verschiedener Disziplinen im Unimagazin Portal

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Was sie von offener Wissenschaft halte? „Viel!“ Wenn es um Open Science geht, greift Caroline Fischer auch schon mal zum Ausrufezeichen: „Sonst ist die Qualität von Forschung nicht überprüfbar.“ Die junge Verwaltungswissenschaftlerin promoviert am Lehrstuhl für Public und Nonprofit Management der Universität Potsdam und engagiert sich dafür, Forschung transparenter zu machen. So war sie ein Jahr Fellow im Programm „Freies Wissen“ und hat eine Veranstaltung für Promovierende initiiert, um darüber ins Gespräch zu kommen. Vor allem aber will sie mit gutem Beispiel vorangehen: „Ich versuche viel offen zu publizieren, teilweise als Zweitveröffentlichung über den Univerlag oder als Pre-print. Ich werde den Datensatz, mit dem ich im Rahmen meiner Dissertation arbeite, veröffentlichen und plane für den zweiten Teil der Arbeit eine Präregistrierung beim Open Science Framework.“ Mit ihrer Begeisterung ist die Nachwuchsforscherin an der Uni Potsdam nicht allein.

vollständiger Beitrag im Portal-Magazin der Uni Potsdam

Pre-print: digitale Vorabdrucke schaffen Feedback und offenen Zugang

‚Digitale Vorabdrucke‘ sind eine Möglichkeit Artikel auf grünem Wege offen zu publizieren. Sogenannte pre-prints erscheinen digital vor Veröffentlichung eines Beitrags. Vorteil ist, dass so lange Publikationszeiten überbrückt werden können. Auch kann vor Einreichung zur Publikation Feedback eingeholt werden.

Man kann Artikel vorveröffentlichen, ohne dass diese bereits für eine Publikation angenommen wurden. So wird es möglich ein innovatives Thema für sich zu besetzen oder auch vor der Einreichung zu einem Journal Feedback zu erhalten. Problematisch kann durchaus werden, dass viele Verlage nur solche Werke veröffentlichen, die vorher noch nicht publiziert worden sind. Das heißt zwischen pre-print und Einreichung sollte sich ein Artikel weiterentwickeln oder beispielsweise eine Übersetzung erfolgen. Ich kenne bisher aber keine Fälle, in denen Artikel aufgrund eines pre-prints abgelehnt wurden.

 

Schönes Beispiel für Feedback und Verbesserung eines Artikels durch pre-print

Ist ein pre-print geplant, wenn ein Beitrag schon für eine Veröffentlichung angenommen wurde, muss zunächst geprüft werden, ob dies im Verlagsvertrag explizit ausgeschlossen. Meiner Erfahrung nach sind pre-prints von Buchkapiteln meist nicht möglich, von Journalartikeln in der Regel aber schon. Wichtig ist dann jedoch, dass die Version des Artikels als pre-print abgelegt wird, die noch nicht für das Journal gesetzt wurde, sondern eine selbst erzeugte Datei. Uneinigkeit besteht darüber, ob nur die Ursprungsversion eines Artikels oder auch die Version nach Abschluss des Reviewverfahrens und einer entsprechenden Überarbeitung vorab veröffentlicht werden darf. Meiner Ansicht nach macht es aber keinen Sinn, mehrere Überarbeitungsstände eines Artikels zu veröffentlichen, dies sorgt für die Leser wahrscheinlich nur für Verwirrung. Ich würde daher daher stets versuchen, die Version des Artikels als pre-print abzulegen, die so (textlich, aber ohne Layout) veröffentlicht werden soll.

Wo veröffentlichen?

Beide Formen von pre-prints können in Archiven wie Zenodo, SocArxiv oder Github abgelegt werden. Hier  findet sich eine hilfreiche Entscheidungsvorlage, welches Archiv für welche Zwecke geeignet ist. Ich habe mich für meine pre-prints für SocArxive entscheiden, weil es in den Sozialwissenschaften wohl das meist verbreitete ist und, etwa im Gegensatz zu Researchgate, auf non-profit-Basis arbeitet. Ich kann meinen Account dort zudem mit OSF (open science framework) verbinden und dort beispielsweise eine Präregistrierung oder offene Datensätze zu einem Projekt ergänzen.

Werden pre-prints in solchen Archiven abgelegt, erhält der Beitrag eine DOI. Wird der Beitrag später veröffentlicht kann auch die „Print-DOI“ hinzugefügt werden. Als problematisch könnte sich hier durchaus herausstellen, dass am Ende zwei DOIs für den gleichen Beitrag existieren und dies beispielsweise Schwierigkeiten bei der Zählung der Zitationen erzeugen kann. Dies sollte in Zukunft geklärt werden.

Für mich liegen die Vorteile von pre-prints dennoch auf der Hand. Für bereits angenommen Beiträge stellen diese eine für die Autoren kostenfreie Weise der Open Access-Schaffung dar und sorgen dabei noch für eine schnelle Publikation. Wer Angst vor Themenklau hat, kann auch Beiträge öffentlich machen, die noch nicht für eine Publikation eingereicht wurden. Ich habe beispielsweise einen Konferenzartikel als pre-print publiziert, der eine Skalenentwicklung skizziert, die noch nicht abgeschlossen ist. Ich erhoffe mir davon einerseits Feedback im laufenden Forschungsprozess, auch außerhalb von Konferenzdiskussionen. Andererseits würde ich mich, wenn parallel schon andere Wissenschaftler mit meinen entwickelten Items arbeiten und damit zur Validierung der Skala beitragen. Und zuletzt möchte ich auch vermeiden, dass mir jemand mit diesem Thema zuvorkommt beziehungsweise ich zeigen kann, dass ich schon an dem Thema arbeite.

Beispiele

Hier findet ihr meine ersten beiden pre-prints, die beide übrigens bereits am ersten Tag schon mehrmals heruntergeladen wurden:

Ich freue mich über euer Feedback!

Warum nicht die Diss präregistrieren?!

In einer Runde von NachwuchswissenschaftlerInnen aus dem Public Management wurden anlässlich des Nachwuchsworkshops der WK-ÖBWL Chancen und Grenzen offener Wissenschaft diskutiert. Jurgen Willems berichtete dabei von seinen Erfahrungen mit einer ersten präregistrierten Studie (gemeinsam mit Dominik Vogel) in unserem Fachbereich. Die beiden Autoren haben dabei zwei experimentelle Datenerhebungen zum prosocial impact beim Open Science Framework registriert. Präregistrierung bedeutet, dass ein Forschungsdesign idealerweise vor einer Datenerhebung registriert wird, um zu vermeiden, dass im Nachhinein Hypothesen so zurechtgelegt werden, dass sie zu den Daten passen (etwa sog. p-hacking).

Diese Präregistrierung sei nicht aufwändig gewesen, berichtet Willems. Von Seiten des Open Science Frameworks gab es kleinere Veränderungsvorschläge, die vor allem die Konkretheit der methodischen Angaben betrafen. Die beiden präregistrierten Experimente sind mittlerweile durchgeführt und zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Dominik Vogel betont hier, wie wichtig Präregistrierung ist: sie beschütze davor das Forschungsdesign im Nachhinein doch anzupassen.

Präregistrierung auch im Doktorat?

Ob dieses Verfahren des im Voraus angemeldeten Forschungsdesigns auch für DoktorandInnen geeignet ist, wird kontrovers diskutiert. Einerseits ist ein Promotionsprozess häufig nicht so geradlinig, als dass er sich in einem frühen Stadium schon präregistrieren ließe. Zudem wird befürchtet, dass Präregistrierung und die folgende Möglichkeit von non-results das mögliche Spektrum an Journals, die diese Ergebnisse auch publizieren würden, deutlich einschränke. In einigen Promotionsordnungen ist für kumulative Dissertationen allerdings vorgesehen, dass ein bestimmter Anteil der kumulierten Artikel in einem A- oder B-Journal erscheinen müsse. Zudem wird im weiteren Karriereverlauf eher die Menge an publizierten Artikeln gewürdigt, anstatt eine möglicherweise zeitaufwändige Präregistrierung. Hier passen die gegebenen Rekrutierungs- und Beförderungsstrukturen an Universitäten und Forschungseinrichtungen schwer zu Formaten offener Wissenschaft.

Dennoch wird Präregistrierung gerade auch von promotionsbetreuenden HochschullehrerInnen als Chance in der DoktorandInnenausbildung gesehen. Ulf Pappenfuß und Rick Vogel glauben, dass Präregistrierung ein gutes Instrument in der Anfangsphase einer Promotion sein könnte. Sie gehen sogar soweit, eine solche Methode auch für die Lehre mit Masterstudierenden, beispielsweise zur Voranmeldung von Haus- und Abschlussarbeit übertragen zu wollen. Präregistrierung stellt dann im Prinzip nichts weiter dar, als ein öffentliches Exposee. Die DoktorandInnen seien so gezwungen, schon sehr früh klar zu machen, was genau in der Promotion erforscht werden soll. Präregistrierung dient hier also jenseits offener Wissenschaft auch als didaktisches Element. Sie erleichtert sowohl für die DoktorandInnen selbst, als auch die Betreuenden, das Betreuungsverhältnis, indem Präregistrierung als verbindliche Zielvereinbarung genutzt werden kann. Gleichzeitig werden DoktorandInnen so schon sehr früh für offene Wissenschaft motiviert. Zeit das auszuprobieren!

Was motiviert Wissenschaftler zu offener Wissenschaft?

Eine Diskussion zwischen Wissenschaftlern und Open-Science-Enthusiasten aus motivationspsychologischer Sicht.

Offene Wissenschaft kann als proaktive Arbeitstätigkeit eines Wissenschaftlers bezeichnet werden. In der Regel wird der Aufwand der mit offenem Forschen und Publizieren verbunden ist, zusätzlich zur ‚ordentlichen‘ Arbeitstätigkeit erledigt. Obwohl viele Enthusiasten hier sicherlich entgegnen: stimmt nicht, Wissenschaft muss per se offen sein, ist es doch so, dass wissenschaftliche Handlungsroutinen nach wie vor eher geschlossen sind. Die Veränderung von eingeschliffenen geschlossenen Routinen hin zu offenen Arbeitsweisen bedeutet jedoch Mühe und Aufwand. Wer beispielsweise bisher mit einer geschlossenen Literaturdatenbank wie Citavi gearbeitet hat, für diejenige ist es mit Aufwand verbunden zu offenen Varianten wie Zotero zu wechseln. Wer bisher mit geschlossener Statistiksoftware wie Stata gearbeitet hat, für den ist es aufwändig sich offene Software wie R anzueignen und entsprechende Routinen zu verändern. Was kann Wissenschaftler dennoch motivieren diese Transaktionskosten in Kauf zu nehmen?

Wir brauchen mehr Anreize

Eine Diskussion zwischen Wissenschaftlern im Rahmen des Fellowprogramms ‚Freies Wissens‘ spitzte sich genau auf diese Frage zu: was braucht ihr als Wissenschaftler eigentlich, damit ihr offen oder offener werdet – was würde euch zu offener Wissenschaft motivieren, fragte die Wiener Wissenschaftsforscherin Katja Mayer. Als eine der ersten Antworten fielen Anreize. Das können materielle Incentives, wie die finanzielle Förderung im Fellowprogramm ‚Freies Wissen‘ oder ein Preis für offene Wissenschaft sein. Es fielen aber auch eher indirekt materielle Incentives, wie Karrierechancen. Offene Wissenschaft müsse in Stellenbesetzungen stärker honoriert werden. Wieder andere nannten immaterielle Anreize, wie Anerkennung durch die Fachgemeinschaft oder die eigene Führungskraft.

Es darf keine Anreize geben

Einige widersprachen aber auch vehement: es darf keine Anreize geben. Dies würde nichts nützen und eh nur die falschen Leute anlocken, diejenigen nämlich die nicht für die Sache brennen, sondern gegen Entlohnung dann halt auch mal offene Wissenschaft machen. Beide Positionen spiegeln die klassische Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation, ausgehend von der sogenannten self-determination Theorie von Deci und Ryan wider. Wer aus eigenem Antrieb und Interesse handelt, ist hierfür intrinsisch motiviert. Extrinsisch motiviert ist hingegen, wer eine bestimmte Handlung (vor allem) aufgrund äußerlicher Anreize vornimmt.

Das Dilemma ist nun, und das beschreibt die Motivation Crowding-Theorie, dass durch extrinsische Anreize, wie finanzielle Boni, eine intrinsische Motivation ausgehöhlt werden kann. Auf offene Wissenschaft übertragen heißt das: denjenigen, die anfangs für das Thema gebrannt haben und einfach so, ohne Anreize, offen geforscht und publiziert haben, geht diese intrinsische Motivation möglicherweise verloren, wenn sie dafür zusätzlich extrinsisch entlohnt werden. Hat man einmal Fördergelder für offene Wissenschaft erhalten, erwartet man das in Zukunft möglicherweise auch und macht nur noch die Projekte offen, in denen es sich durch Anreize lohnt.

Das ist aber zunächst einmal eine Hypothese, die aus anderen Settings des Arbeitslebens abgeleitet ist und möglicherweise für offene Wissenschaft nicht gilt. Ganz im Gegenteil könnte man argumentieren, dass mit ersten Anreizen Leute angelockt werden können, die zunächst nicht für die Sache brennen, sich für diese aber im Ausprobieren begeistern und ein Feuer entfacht wird. Genau das liegt dann beispielsweise in der Verantwortung der Mittelgeber und der Ausgestaltung der Förderung. Wenn Förderung nachhaltig gestaltet ist und darauf hin wirkt, dass während der Förderung Wissenschaftler weitergebildet und Routinen verändert werden, können solche Mitnahmeeffekte und Folgewirkungen beispielsweise vermieden werden.

Motive und Bedürfnisse

Doch abgesehen von solchen äußeren Anreizen: welche menschlichen Motive und Bedürfnisse wirken dennoch hin zu offener Wissenschaft. Was treibt Wissenschaftler an offen zu publizieren oder eigene Daten zu teilen, auch ohne äußere Anreize. Nach McClelland sind Leistung, Macht und soziale Anerkennung die drei menschlichen Grundbedürfnisse, die jedwedes Handeln bestimmen. Menschliche Bedürfnisse können, wie beispielsweise in Maslows oft verwendeter, empirisch aber nicht nachweisbarer Hierarchie, in verschiedene Stufen unterschieden werden. Beginnend mit grundlegenden Bedürfnissen, wie physiologischen Bedürfnisse oder Sicherheit, darauf aufbauend soziale Bindung und Selbstachtung und schließlich sogenannte Wachstumsbedürfnisse, wie Selbstverwirklichung. Aus diesen Motiven und Bedürfnissen können mögliche Dimensionen einer ‚Motivation zu offener Wissenschaft‘ abgeleitet werden.

It‘s all about recognition?

Soziale Bindung und Anerkennung scheint ein Aspekt einer Motivation für offene Wissenschaft zu sein: ich möchte als Forscherin in meiner Disziplin und meiner Institution anerkannt werden und öffne meine Forschung, damit alle sehen können wie toll ich meine Arbeit mache und mich dafür wertschätzen. Allerdings erscheint es zumindest möglich, dass die Gefahr besteht, eine solche soziale Anerkennung eben wegen offener Wissenschaft nicht zu erhalten, weil man dafür beispielsweise in einer skeptischen Disziplin eben nicht ausreichend anerkannt wird. Das bedeutet, dass eine Förderung offener Wissenschaft immer auch mit Anerkennung und Wertschätzung offener Forschung einhergehen muss. Dabei kann beispielsweise die symbolische Führung durch die Leitung einer Organisation (Teamleiter, Lehrstuhlinhaber, Dekan, Rektor o.ä.) oder führende Gremien in einer Fachgemeinschaft eine große Rolle spielen. Ebenso ist hier aber das Arbeitsklima in einem Team und einer Organisation im Ganzen entscheidend. Beispielsweise müssen Fehler erlaubt und Zeit zum Ausprobieren neuer Wege sein.

Persönliche Entwicklung und Selbstverwirklichung

Auch die eigene Entwicklung und Verwirklichung motiviert Menschen zusätzliche Arbeit zu leisten. In Bezug auf offene Wissenschaft dürften diese Handlungsmotive zunächst die Wissenschaftler antreiben, die von dieser Idee sowieso schon überzeugt sind. Wenn aber aufgezeigt wird, dass offenes Forschen auch der eigenen Entwicklung dient, kann dies sicher als Anreiz dienen. So bedeutet es zwar zusätzlichen Aufwand in einem offenen Labortagebuch über die eigenen Arbeitsschritte zu berichten. Wenn über diese Offenlegung von Methoden aber eine Interaktion mit anderen Wissenschaftlern entsteht und Feedback gegeben wird, kann dies die eigene Arbeit verbessern und damit die eigene Entwicklung voranbringen. Schließlich forschen viele Wissenschaftler ja vor allem für die eigene Erkenntnis.

Wie also weiter mit den Anreizen für offene Wissenschaft? Meiner Ansicht nach ist die Anerkennung in den jeweiligen Fachdisziplinen der wichtigste Schritt. Hier muss ausgehandelt werden, welche Aspekte offenen Forschens in den jeweiligen Disziplinen vertretbar und möglich sind. Setzt sich offene Wissenschaft, und dafür sind Teile der Natur- und Humanwissenschaften ein gutes Beispiel, erst einmal in einer Disziplin durch und wird zum Standard, dann ist offene Wissenschaft auch kein proaktives Handeln mehr, das zusätzlich zum üblichen Rollenverhalten als Wissenschaftler erfolgt und zusätzliche Arbeitsmotivation erfordert. Dann gehört offene Wissenschaft zum alltäglichen Arbeitshandeln, dann ist Wissenschaft ‚open by default‘.

Viele kommentieren, niemand öffentlich

Reaktionen auf diesen Blog

Diesen Blog gibt es nun seit einem halben Jahr. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Nicht nur über Blogs, Pingbacks und Referrer; nicht nur über viele Aspekte von Open Science, mit denen ich mich beim Schreiben intensiver auseinandergesetzt habe – nein vor allem über Kommunikation und Feedback in meinem Kollegenkreis.

Ich bin mit diesem Blog auf einige offene Ohren gestoßen. Viele Kollegen aus dem Bereich der Verwaltungsforschung haben auf meine Einladungen zum Lesen reagiert – einige positiv, einige skeptisch. Aber: niemand hat einen öffentlichen Kommentar hinterlassen. Alle Reaktionen trafen per Mail, am Telefon oder im persönlichen Gespräch bei mir ein. Warum eigentlich und was bedeutet das für die Debatte über offene Wissenschaft in meinem Fachbereich?

Warum wird nicht öffentlich kommentiert?

Vielleicht liegt es aber auch einfach an meinem Blog? Also habe ich mir andere Blogs in meinem Fachbereich angesehen. Aber auch dort: keine öffentlichen Kommentare. Woran liegt das? Haben Leute Angst vor Konsequenzen ihres Feedbacks, wenn es alle Welt lesen kann? Sind die Hürden zu hoch? Ist es ein Zeitproblem? Oder wird Feedback schlicht nicht als nötig erachtet? Letzteres wäre schlimm, schließlich predigen wir das den Verwaltungspraktikern ständig!

Meine Vermutung: es ist von allem ein bisschen. Lasst uns das doch mal diskutieren – gern per Mail, am Telefon oder auf dem Flur!

Diss-Daten: teilen oder nicht teilen?

Skizze eines (noch nicht ganz abgeschlossenen) Entscheidungsprozesses

Doktorandinnen, die von offener Wissenschaft überzeugt sind und ihre Daten veröffentlichen wollen, unterlassen dies dennoch häufig aufgrund vermeintlicher formaler Hürden und fehlender Ansprechpartnerinnen (Kindling 2013: 20f.). Weil auch ich die Daten, die meiner Dissertation zugrunde liegen, veröffentlichen möchte, habe ich mich lange und an vielen Stellen informiert, was auf welche Art und Weise erlaubt und möglich ist. Um anderen den Entscheidungsprozess hin zu offenen Forschungsdaten aus der Promotion zu erleichtern, möchte ich im Folgenden skizzieren, welche Punkte ich abgewägt habe und warum ich zu welchen Entscheidungen gelangt bin.

Wem gehören eigentlich ‚meine‘ Daten?

Immer wieder kursiert das Gerücht, dass Forschungsdaten, die im Rahmen einer Anstellung als Doktorandin oder auch Postdoktorandin an einer Universität entstehen, der Universität ‚gehören‘. In Deutschland ist dies in der Regel nicht so. Hierfür ist es zunächst wichtig zwischen Urheber- und Nutzungsrechten zu unterscheiden. Das Urheberrecht an Forschungsdaten haben die Forschenden, die an der Datenerhebung maßgeblich beteiligt waren. Also beispielsweise diejenigen, die ein Fragebogendesign entwickelt und eine Befragung durchgeführt oder etwa im Feld beobachtet haben. Wichtig ist, dass ein Urheberrecht nur entsteht, wenn tatsächlich ein Werk geschaffen wird. Das ist beispielsweise nicht der Fall, wenn ein Satellit automatisiert Daten auswirft, die dann analysiert werden können oder wenn vorhandenes Material, wie Steine oder Werke anderer, gesammelt werden. Statt einem Urheberrecht können auf diese Datensammlungen aber Datenbankrechte entstehen. Schwieriger ist dies mit Datenmaterial, auf das andere einen Urheberrechtsanspruch haben, etwa Filme, Fotos oder Literatur. Hier muss im Einzelfall geprüft werden, ob eine Veröffentlichung als Datensatz dennoch möglich ist.

Wer jedoch Urheber eines Werkes ist, kann dieses persönliche Recht, zumindest nach deutschem Recht, nicht abtreten. Abgetreten werden können jedoch Nutzungsrechte. Dies geschieht in der Regel, wenn Lizenzen vergeben oder beispielsweise Verlagsverträge geschlossen werden. Ein Nutzungsrecht an Forschungsdaten kann durchaus an den Arbeitgeber übergehen, dies muss aber im Arbeitsvertrag festgehalten sein. Wenn letzteres der Fall ist, steht aber dennoch zur Disposition, ob dies nicht angefochten werden könnte. Denn Nutzungsrechte dürfen eigentlich immer nur an einem konkreten Werk abgetreten werden und nicht generell für eine Arbeitstätigkeit.

Zusammengefasst heißt das: meine Diss-Daten ‚gehören‘ in den meisten Fällen und in den Sozialwissenschaften in der Regel tatsächlich mir, möglicherweise aber auch anderen Miturhebern aus dem Forschungsteam. Über die Weiterverwendung von Forschungsdaten entscheiden alle Urheber gemeinsam. Das heißt mit einer Veröffentlichung der Daten müssen alle Urheber einverstanden sein. Wenn die Daten dann veröffentlicht werden, treten die Urheber bestimmte Nutzungsrechte an ihrem Datenwerk ab. In welchem Umfang genau, regelt die festgelegte Lizenz. Es bestehen in der Praxis jedoch berechtigte Zweifel, ob es sinnvoll ist, eingeschränkte Lizenzen auf Datensätze zu vergeben. Eine nicht-kommerzielle Nutzungseinschränkung (CC by-nc) etwa würde die Weiterverwendung der Daten in der Wissenschaft untersagen, denn ein Wissenschaftler würde damit streng genommen sein Geld verdienen. Eine Einschränkung der Rekombination und Veränderung der Daten (CC by-nd) würde beispielweise die Analyse von einer Kombination aus mehreren Datensätzen untersagen.

Geht das überhaupt im Promotionsverfahren?

Es spricht zunächst einmal formal nichts gegen die Veröffentlichung von Forschungsdaten, die im Rahmen einer Dissertation erhoben wurden. Ganz im Gegenteil arbeiten manche Doktorandinnen sogar mit bereits veröffentlichten Daten. In jedem Fall sollte zunächst ein Blick in die eigene Promotionsordnung geworfen werden. Hier werden aber zum jetzigen Stand an deutschen Universitäten weder Angaben zum Forschungsdatenmanagement im Allgemeinen, noch zur Datenpublikation gemacht. Wichtig ist es jedoch meiner Ansicht nach den Zeitpunkt der Datenpublikation zu bedenken. Denn veröffentliche ich Daten aus meinem Dissertationsprojekt direkt nach dem Erheben, ohne selbst schon einen Artikel oder die gesamte Dissertation zu diesen Daten veröffentlicht zu haben, kommt mir möglicherweise eine andere Wissenschaftlerin zuvor und meine Doktorarbeit oder ein Teil davon hat keinen Neuigkeitswert mehr.

Auch sollte mit Doktormutter oder -vater Rücksprache über eine Datenpublikation gehalten werden und eine solche nicht gegen deren Willen geschehen. Wer schon früh weiß, dass die eigenen Forschungsdaten veröffentlicht werden sollen, sollte das früh im Betreuungsverhältnis zur Diskussion stellen und gegebenenfalls die Betreuerin entsprechend auswählen.

Wann und wie veröffentlichen?

Ich habe mich bei meiner eigenen Promotion dagegen entschieden, die erhobenen Befragungsdaten direkt nach deren Erhebung zu veröffentlichen. Ich habe viel Arbeit in die Konzeption der Datenerhebung und deren Durchführung gesteckt und möchte diejenige sein, die auf Basis dieser Daten zuerst publiziert. Daher kommen für mich zwei Szenarien in Frage: (1) ich veröffentliche die Daten als Zusatzmaterial zu einer ersten Publikation. Eine solche Variante bietet sich vor allem für kumulative Promotionen an. Wenn auf Basis der gleichen Forschungsdaten jedoch auch ein weiterer Artikel geplant ist, sollte auch hier abgewogen werden, ob die Gefahr besteht, dass einem damit jemand zuvorkommen könnte, wenn die Daten frei verfügbar sind.

Wenn die im Dissertationsprojekt erhobenen Daten jedoch nicht nur aus Transparenz- und Replikationsgründen an einer Veröffentlichung ‚dranhängen‘ sollten, sondern diese es wert sind auch von andern Wissenschaftlerinnen analysiert zu werden, dann bietet sich eine eigenständige Datenpublikation an. Hier kann eine (2) Embargolösung gewählt werden. Embargos kennen viele als von Verlagen auferlegte Frist, die bis zur eigenen offenen Veröffentlichung von Artikeln auf grünem Wege eingehalten werden muss. Auch Datenrepositorien bieten solche Embargolösungen an. Dann kann ein Datensatz zwar schon hinterlegt, Metadaten zugänglich gemacht und der Datensatz schon mit einer DOI versehen werden, aber in die Daten tatsächlich hereinschauen oder diese sogar verwenden, kann eben noch keiner. Vorteil einer eigenständigen Datenpublikation ist dann beispielweise, dass zählbare Zitationen dieser Daten möglich sind.

Zusammengefasst: Zunächst sollte man ehrlich entscheiden, ob eine Datenpublikation als Anhang einer Textpublikation ausreicht oder ob die erzeugten Forschungsdaten tatsächlich eine eigenständige Datenpublikation wert sind. Dann sollte, und das ist sicher immer auch eine karrieretaktische Entscheidung, überlegt werden, zu welchem Zeitpunkt im Promotionsprozess die Daten veröffentlicht werden sollen.

Wer kann bei der Entscheidungsfindung helfen?

Promotionsbetreuende, bereits promovierte Kolleginnen aus der Fachgemeinschaft, Forschungsdatenreferentinnen, Bibliothekarinnen, Open Access-Beauftragte, Promotionsbeauftragte – je nach konkreter Fragestellung! Die eigenen Promotionsbetreuenden und andere Wissenschaftlerinnen aus dem eigenen Fachgebiet sollten Auskunft darüber geben können, ob und auf welche Weise Datenpublikationen im Fachgebiet üblich sind und welche Chancen, aber auch Hürden, diese möglicherweise für eine weitere wissenschaftliche Karriere bieten. Für rechtliche und technische Fragen können in den meisten Universitäten die Referentinnen für Forschungsdatenmanagement oder Open Access befragt werden, die zumeist an den Universitätsbibliotheken angesiedelt sind. Auch Mitarbeiterinnen von Forschungsdatenrepositorien oder Forschungsdatenzentren können Auskunft geben. Etwa kann für sozialwissenschaftlichen Themen die Projektberatung beim Gesis in Anspruch genommen werden. Zudem arbeiten universitätsübergreifend gerade einige Projekte an Richtlinien und Leitfäden für das Management und die Publikation von Forschungsdaten. Das Projekt DataJus an der TU Dresden beschäftigt sich etwa mit den rechtlichen Rahmenbedingungen von Forschungsdaten und deren Management. Im Projekt FDMentor sollen Strategien für das Forschungsdatenmanagement an Hochschulen und entsprechende Beratungs- und Trainingskonzepte entwickelt werden.

Meine eigene Entscheidung?

Nachdem ich mir zu Beginn meiner Promotion ziemlich sicher war, dass ich meine Daten rasch veröffentlichen möchte, haben sich vor allem nach Gesprächen mit Kolleginnen aus meinem Fachgebiet Zweifel eingestellt. Ich habe viele meiner Fragen ausführlich mit allen möglichen oben aufgezählten Ansprechpartnern besprochen und von allen Seiten beleuchtet. Nachdem ich zwischenzeitlich entschieden hatte, die Daten meiner Dissertation erst mit Beendigung des Promotionsverfahrens zu veröffentlichen, sympathisiere ich gerade sehr mit einer Embargolösung in einem Datenrepositorium.

Gerade weil offene Forschungsdaten, und dann auch noch die einer Dissertation, in den Sozialwissenschaften überhaupt nicht verbreitet sind, ist es nicht einfach als Doktorandin eine zufriedenstellende und unkomplizierte Antwort auf die Frage ‚Daten teilen oder nicht teilen‘ zu bekommen. Eben weil dieser Entscheidungsfindungsprozess nicht einfach ist, sollte meiner Ansicht nach jede Promovierende schon frühzeitig im Promotionsprozess zumindest beginnen, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen.